Auf grosser Schiffsreise – Mit der Pelni Fähre in Indonesien unterwegs

Wie damals vor dem Urlaub

Ich bin ein bisschen aufgeregt. Vor Freude. Vielleicht so, wie als Kind. Kurz vor der Urlaubsreise der Familie. Tage zählen und so. Und auch der Wecker klingelt nahezu mitten in der Nacht. Genau wie damals. Aber die Leberwurststulle um 5 Uhr morgens ersetze ich diesmal durch einen Kaffee. Und heute schlafe ich auch besser als vor über 30 Jahren. Um sieben Uhr sitzen wir fertig bepackt im Taxi. Eine Stunde schlängeln wir uns durch den elenden Stadtverkehr bis wir endlich den Hafen Belawan, etwa 20 km von Medan entfernt, erreichen.

Ankunft am Fähr-Terminal in Belawan

Und dann liegt sie vor uns. Gross und mächtig. Die MS Kelud. Eine der grössten Fähren der Pelni Company. Auf diesem behäbigen Monstrum möchten wir die erste grosse Seereise auf unserem Weg SmartDownUnder antreten. Drei Tage und zwei Nächte, knapp 60 Stunden, soll die Fahrt auf der Pelni Fähre in Indonesien von Medan nach Jakarta dauern.

Die MS Kelud der Pelni Company

Informationsbeschaffung gleich Stolperstein

Einige Wochen zuvor glauben wir schon nicht mehr daran, eine Möglichkeit zu finden, diesen Streckenabschnitt per Schiff zurückzulegen. Die Internetseite der Firma Pelni ist etwas schwerfällig. Einerseits verschieben sich die konkreten Abfahrtszeiten der Fähren aufgrund von Verspätungen immer wieder. Andererseits, und das macht eine Planung nicht besonders einfach, gibt Pelni die Fahrpläne für die einzelnen Routen oft erst kurz vor der Abfahrt bekannt. Entsprechend wissen wir lange nicht, ob überhaupt ein Schiff fährt.

Aber plötzlich erscheint die optimale Verbindung für eine Pelni Fähre von Medan auf Sumatra nach Jakarta, Java, in der Suchmaske. Das Online-Booking funktioniert leider nicht und so suchen wir das Pelni Office in Medan auf. Die Dame spricht zwar kaum Englisch, ist aber sehr freundlich und bemüht. Und so verlassen wir tatsächlich eine halbe Stunde später das unscheinbare Büro mit zwei 1.Klasse Tickets im Gepäck.

Ein erschwingliches 1.Klasse-Ticket auf der Pelni Fähre

1.Klasse soll es sein. Die teuerste Variante für diese Überfahrt ist preislich aber durchaus zu verkraften. Und insgesamt knapp 90 € pro Person (für 2 1/2 Tage) inklusive Fenster, eigenem Bad, drei Mahlzeiten am Tag und ein bisschen Privatsphäre sind uns das Geld auf jeden Fall wert. Die günstigste Ticket Option ist die Reise in den Grossraumschlafsälen im unteren Bereich der Fähre. Aber auch dazwischen gibt es Preiskategorien, die die Möglichkeiten eines Vierbettzimmers oder Zweibettzimmers ohne Fenster und/ oder Bad bieten.

Ein bisschen Scham muss sein

Ein bisschen schämen wir uns fast für den Luxus, den wir uns leisten. Der eigentliche Hauptgrund für uns, die oberste Preisstufe zu wählen, ist neben einem Fenster aber ehrlicherweise die eigene Toilette. Denn uns rollen sich schon die Fussnägel, als wir im Vorfeld der Reise nur die Berichte über die hygienischen Zustände in den öffentlichen Sanitäranlagen des Schiffes lesen. Saubergemacht wird hier selten bis gar nicht, so die Info. Ausserdem soll es oft kein Wasser geben, weder zum Waschen noch zum Nachspülen auf den Toiletten. Wenn man die Masse der Menschen betrachtet, die hier über mehr als 48 Stunden (oder länger) zusammen hausen, können die Bedingungen schnell grenzwertig sein. Und einfach Aussteigen geht dann nicht mehr.

Die öffentlichen Sanitäranlagen sind grezwertig

Einchecken auf der MS Kelud

Zurück zur MS Kelud. Nur wenige Meter vom Eingang entfernt setzt uns das Taxi ab. Unzählige, vollbepackte Menschen strömen durch das Tor und dann hinein in die grosse Wartehalle, wo schon lange Schlangen vor den Anmeldeschaltern stehen. Gemessen an den Menschenmassen kommen wir zügig voran.

Dank unseres 1.Klasse Tickets müssen wir auch nach dem Einchecken nicht mehr lange Ausharren und werden quasi direkt in das Innere des Schiffes geführt. Die Riege der Seeleute bildet das Begrüssungskomitee. Da erwachen Erinnerungen ans Traumschiff.

Herzlich heisst man uns willkommen und geleitet uns auf eines der oberen Decks in unsere Kabine. Wir erahnen, was sich im Laufe der nächsten Stunden bestätigen wird: Wir sind nicht nur die einzigen Touristen hier an Bord. Wir zählen auch zu den wenigen Passagieren, die überhaupt 1. Klasse fahren. Die Kabinen in unserem Gang bleiben nahezu leer.

Unverhofft kommt oft – Eine positive Überraschung auf der Pelni Fähre

Viele Reiseerfahrungen lassen uns wissen, dass 1. Klasse in Ländern wie Indonesien niemals auch nur annähernd einer 1. Klasse entspricht, wie wir sie in Europa kennen. In der Regel bedeutet ein Ticket in der obersten Preiskategorie lediglich, dass die besonders unkomfortablen und unangenehmen Zustände schlicht ein wenig abgemildert sind und man ggf. mit einer kostenfreien Mahlzeit o.Ä. belohnt wird. Umso positiver überrascht sind wir, als wir unsere Kabine erblicken. Das ist definitiv viel mehr und weitaus luxuriöser, als wir uns je zu träumen erhoffen.

Die kleine Nasszelle erinnert ein bisschen ans Krankenhaus. Nicht zuletzt die Halterungen an den Wänden, die an ein pflegegerechtes Badezimmerinterieur erinnern. Der hohe Wellengang ruft schon. 🙂

Wenn schon Krankenhaus, dann auch richtig

Völlig begeistert breiten wir uns in unserem gemütlichen, schwimmenden Zuhause aus und warten auf die Abfahrt. Wir sind mehr als zufrieden, als sich die MS Kelud gegen 10:30 Uhr mit gerade mal einer knappen halben Stunde Verspätung in Bewegung setzt. Das geht auch anders. Etliche Wartesstunden (vielleicht auch Tage) sind offenbar keine Seltenheit, wenn man mit der Pelni Company unterwegs ist. Aber, das ist wohl eher ein indonesisches Problem. Zudem gelten die Pelni Schiffe hier als vergleichsweise sicheres Fortbewegungsmittel auf hoher See.

Überpünktlich klopft es an die Tür. Die erste Assoziation auch jetzt: Krankenhaus. Nicht etwa wegen des täglichen Services, der uns kurz vorher auf die anstehenden Mahlzeiten aufmerksam macht. Vielmehr scheinen sich die Verantwortlichen der Schifffahrtsgesellschaft an den Krankenhauszeiten zu orientieren. Frühstück um 7 Uhr. Mittagessen um 11 Uhr. Abendessen um 17 Uhr.

Vollpension an Bord der Pelni Fähre

Die Band haben wir aber nicht gebucht

Grossartig aber ist das Ambiente im Speisesaal. Ein riesiger, kitschig dekorierter Raum mit ausladendem Bartresen im hinteren und einer Bühne im vorderen Teil. Die Verantwortung des „Barkeepers“ scheint hier jedoch darin zu liegen das schmutzige Geschirr zu überwachen. Denn die Regale der spiegelvertäfelten Rückwand sind leer. Jeden Mittag und Abend, am frühen Morgen scheint dies noch nicht der richtige Anlass zu sein, spielt bereits die Band, wenn wir den Speisesaal betreten. Die musikalische Untermalung wirkt wie eine Farce im spärlich gefüllten Saal, die Band ein wenig fehl am Platz.

Musikalische Untermalung im Speisesaal zum Mittag- und Abendessen

Die Einheimischen kommen und gehen, scheinen nur der Notwendigkeit der schnellen Kalorienaufnahme wegen hier zu sitzen. Fast punktgenau eine halbe Stunde, nachdem die offizielle Essenszeit beginnt, endet das absurde Theaterstück, der Vorhang schliesst sich. Aber auch dieses amüsante Zwischenspiel ist halt typisch asiatisch. In der 1. Klasse wird halt was geboten.

Full Board – Das ist Luxus

Dreimal täglich eine warme Mahlzeit. Wo gibt es das schon? Mein Körper stellt sich so schnell um, dass mir schon nachmittags um vier der Magen fürs Abendessen knurrt. Wohlwissend und auch hier ein wenig amüsiert treten wir vor das 1. Klasse Buffet. Auf dem grossen Tisch wirken die Speisen etwas verloren.

Große Tafel, wenig Auswahl, aber von Allem genug

Ein grosser Topf Reis, dazu die Auswahl von Fleisch, Tofu, Gemüse und Suppe. Ein Eimer voll mit Krabbenchips, abgepackte Kräcker. Und der obligatorische süsse Tee darf nicht fehlen, der mich süchtig macht (bei dem Zuckeranteil steht der Löffel fast schon in der Flüssigkeit).

Obwohl das Essen insgesamt sehr eintönig ist, sind wir völlig zufrieden mit dem Gesamtpaket. Auch hier vielmehr, als wir erwarten. Und dennoch nehmen wir unsere Mahlzeiten immer ein wenig belustigt ein. Denn den Rahmenbedingungen entsprechend können wir uns den einen oder anderen Lacher nicht verkneifen, gleichwohl wir wissen, dass die Menschen hier auf ihre Weise sehr bemüht sind.

Ganz schön stickig

Diese Schiffsreise ist ein grosses Abenteuer. Eines, bei dem es gilt zu beobachten und zu erkunden. Unsere täglichen Entdeckungstouren führen uns über die bewohnten Decks der Economy Class im unteren Teil des Schiffes bis hoch zu den beiden offenen Decks der Fähre.

Es ist extrem stickig. Die Tatsache, dass die Menschen hier 24 Stunden am Tag schlafen, essen und auf engstem Raum zusammenleben, macht sich deutlich bemerkbar. Die Etagenbetten dicht an dicht erinnern an eine Notunterkunft.

Die Fahrgäste dösen, unterhalten sich oder starren auf die Bildschirme der Fernseher, die konstant zu laufen scheinen. Kleine Kioske verkaufen die nötigsten Lebensmittel. Hier und da plärrt ein Kind.

Nicht nur Lebensmittel, auch den Zugang zum Wifi kann man hier käuflich erwerben

Beten auf der Pelni Fähre

Die Genügsamkeit der Passagiere verdeutlich sich auch auf den offenen Oberdecks. Manch einer scheint hier den ganzen Tag an der frischen Luft zu verharren, ohne sich zu regen. Andere sitzen rauchend, plaudernd oder spielend zusammen. Nur zur Gebetsstunde wandelt sich das ruhige Dahinleben in rege Betriebsamkeit. Mit dem Ruf des Muezzins füllen sich die Waschstellen, die Schuhe stapeln sich, bevor erst Männer, dann die Frauen in die fähreigene Moschee strömen.

Wenn der Muezzin ruft, sammeln sich die Schuhe vor der Schiffsmoschee

Wir lauschen dem Rauschen

Angesichts des rauen, aber so klaren und naturverbundenen Klimas ist das grosse Oberdeck der Platz und Anziehungspunkt dieser Schiffsreise. Der Seewind jagt uns um die Ohren. Die Sonne brennt sich in die Haut. Wir lauschen dem Rauschen der Wellen (und der Motoren). Der Blick streift den Horizont. In der Ferne sind hier und da schemenhaft die Umrisse von Land zu erahnen.

Immer wieder passieren wir kleinere und grössere Inseln. Fischerboote kreuzen unseren Weg. In der Strasse von Melaka herrscht reges Containerschiffstreiben. Doch sobald wir den Hafen von Batam, südlich von Singapur, hinter uns lassen, dünnt der Grossschiffsverkehr langsam aus.

Blaue Stunde

Wenn Wünsche fliegen lernen

Als einzige, offensichtliche Touristen an Board geniessen wir die besondere Freundlichkeit mit der uns die Einheimischen gegenübertreten. Ein Hallo hier, ein Foto dort, ein bisschen plaudern.

Eigentlich aber wünscht Stephan sich schon seit Beginn der Fahrt, dass uns dieser VIP-Status einen Besuch auf der Brücke einbringt. Eigentlich, so meint er, müsse uns doch jemand mal dort hin einladen. Erst am letzten Tag unserer Überfahrt gelangen wir bei unseren Erkundungsgängen überhaupt in die nähe des Steuerraums. Und wenn Wünsche fliegen lernen, dann begegnet man tatsächlich einem freundlichen Mitglied der Crew, das unsere orientierungslosen Blicke sieht und fragt, ob wir Lust haben auf die Brücke zu gehen.

Ins Reich der Träume

Da lassen wir uns nicht zweimal bitten. Und schon stapfen wir die Treppe hinauf bis ins Kapitänsreich hinein. Ein grosser Raum, ausser mit diversen Gerätschaften sehr spartanisch eingerichtet, erwartet uns. Zu drei Seiten grosse Panoramafenster. Der Blick auf die offene See, wo sich die Wellen vor dem Rumpf der Fähre brechen und das Wasser vom Kiel des Schiffes durchtrennt wird.

Der Blick auf die offene See

Still, fast geräuschlos sind drei Crewmitglieder konzentriert in ihre Arbeit vertieft. Ein Funker, eine Dame, die mit Zirkel und Geodreieck die Seekarte bearbeitet und eine weitere Person, die über irgendwelchen Schriftstücken brühtet. Alle begrüssen uns freundlich, um sich im nächsten Augenblick wieder ihren Aufgaben zuzuwenden.

Der Mann, der uns bis hierher bringt, ist verschwunden. Ohne weitere Notiz von uns zu nehmen lässt uns die Mannschaft auf der Brücke herumstöbern und staunen. Erst als ein weiteres Mitglied des Teams mit einigen Englischkenntnissen hinzustösst, löchern wir den Mann mit Fragen und erfahren, dass wir ziemlich genau um 21 Uhr am Abend in Jakarta ankommen sollen.

Der Sascha Hehn der MS Kelud

Fehlt nur noch das Kapitän´s Dinner

Alles, was wir uns für diese Überfahrt wünschen, tritt ein. Eine langsame, spannende und gleichzeitig entspannte Seeüberquerung. Freundliche Menschen, ein Besuch auf der Brücke. Fehlt nur noch das Kapitän´s Dinner. Aber zuviel darf man auch nicht erwarten 🙂

Es ist schon faszinierend als wir ziemlich pünktlich am Abend in den grossen Containerhafen von Jakarta einlaufen. Wir haben es geschafft. Mehr als 1500 Kilometer über den Ozean mit der Pelni Fähre von Medan nach Jakarta. Unsere erste grosse Seereise geht mit nur drei Stunden Verspätung zu Ende.

Hier geht es weiter.

Angekommen in Jakarta

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