Good morning Vietnam! – Auf nach Hanoi

Zwischen den Staaten

Was würde eigentlich geschehen, wenn wir aus China bereits ausgereist sind, wir in Vietnam aber nicht einreisen dürfen? Würden wir in der nächsten Maschine postwendend nach Deutschland zurück geschickt? Würden wir tage- und wochenlang auf einem Landstreifen zwischen den Staaten festgehalten werden? Oder müssten wir wohlmöglich im Gefängnis nächtigen? Wir hoffen, dass genügend US -Dollar ausreichen werden, um im Zweifel solche Szenarien zu umgehen. Davon also tragen wir einige in unserem Gepäck, als wir in Nanning mit dem Zug in Richtung vietnamesische Grenzen aufbrechen. Warum wir uns diese Fragen überhaupt stellen? Nun, wir besitzen kein Visum für die sozialistische Republik Vietnam. Nach aktuellen, aber noch nicht ewig währenden und auch zeitlich begrenzten Abkommen dürfen deutsche Staatsbürger derzeit zwar für maximal 15 Tage auch ohne Visum ins Land reisen, aber ist diese Kenntnis bis an die chinesisch- vietnamesische Grenze überhaupt durchgedrungen? Oder weiß man nur am internationalen Flughafen in Hanoi darüber Bescheid? Und, machen die Grenzbeamten nicht möglicherweise trotzdem Probleme, so wie es an der kambodschanisch- vietnamesischen Grenze, laut Reiseberichten, schon öfter der Fall war?

Die Kontrolle

Den Worst Case im Hinterkopf rollen wir im vietnamesischen Grenzbahnhof ein. Wie schon an der Station auf der chinesischen Seite müssen nicht nur wir, sondern muss auch unser ganzes Gepäck einmal zum Durchleuchten aus dem Zug heraus. Am Kontrollpunkt versuche ich höflich mein Glück auf Englisch und kläre die Grenzer über die aktuellen Einreisebedingungen deutscher Staatsbürger und den Grund auf, warum wir ohne Visum hier stehen. Wie anmaßend von mir! Der freundliche Vietnamese spricht nicht nur Englisch, er weiß, ebenso wie seine Kollegen, natürlich auch über die Einreisebestimmungen Bescheid. Und damit ist es wieder einmal, wie es immer ist. Wir sollten es besser wissen. Viel Lärm um nichts. Pass auf, Stempel rein, fertig. Gute Reise!

Wie die Fische in Hanoi

Vielleicht gibt es mehr Roller als Menschen in dieser Stadt. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, dass die zweitgrößte Stadt Vietnams mit all ihren zugehörigen Provinzen fast 6,5 Millionen Einwohner fasst. Und dennoch, nicht unmöglich, beobachtet man das verkehrsreiche Treiben auf Hanois Strassen. In rasenden Geschwindigkeiten passieren Rollerfahrer die Strassenkreuzungen und prägen das Stadtbild Hanois.

Regel Nummer eins für den Fußgänger beim Überqueren einer Strasse lautet: Bleibe niemals auf der Strasse stehen, gehe geradewegs auf die andere Seite, blende aus, was um Dich herum geschieht! Stehenbleiben löst Irritation aus und bedeutet Gefahr. Der gemeine Motorradfahrer wird durch das unvorhergesehene Stoppen eines Fussgängers im Zweifel aus dem Konzept gebracht und das wirkt weitaus unfallförderlicher, als ungeachtet des Verkehrs die Strasse einfach zu kreuzen. So winden sich die Rollerfahrer wie die Fische mit zackigen, aber stets flüssigen Bewegungen um den Fussgänger als natürliches Hindernis herum.

Good Morning Vietnam!

Es ist früher Morgen in Hanoi, noch nicht einmal sechs Uhr, als wir aus dem Bahnhof heraustreten. Auf den Strassen herrscht schon der übliche Verkehr, die ersten kleinen Läden und Restaurants haben ihre Tore bereits geöffnet, Strassenverkäufer sind ebenso unterwegs wie die Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ziemlich genau sechs Jahre sind vergangen seit wir diesen wuseligen, lauten Flecken Erde zum ersten Mal besucht haben. Und damit sind wir nach 3 1/2 Monaten auf unserer Reise auch erstmals an einem Ort angekommen, den wir zuvor schon einmal besucht haben. Diese Stadt ist ein Ameisenhaufen, aber einer, in dem ich mich pudelwohl fühle. Hanoi ist anders, anders als jede der südostasiatischen Hauptstädte, die ich kenne. Ich kann ihr Herz schlagen hören. Diese Stadt pulsiert. Ich kann das Leben hier hautnah spüren und nahezu greifen. Bin mittendrin im Ameisenhaufen, fühle mich aber wie in einer Seifenblase, wenn ich durch die Strassen ziehe. All der Lärm, die vielen Menschen, der Auspuffgestank und die Fahrzeuge wirken paradoxerweise ebenso euphorisierend wie beruhigend auf mich. Dieser Ort zieht mich in seinen Bann. Die Faszination ist ungebrochen.

Unterwegs im Old Quarter

Stundenlang kann ich durch die Alleen des Old Quarters spazieren. Der französische Kolonialeinfluss spiegelt sich in den stuckverzierten mit großen Flügeltüren und -fenstern ausgestatteten Häusern, die hoch und schmal, dabei aber weit in die Tiefe gebaut, die Strassen säumen. Verspielte Balkongitter und lange, an den Fassaden und Balkonen herunter ragende Pflanzen lassen an Bilder von Paris erinnern. Die Gehsteige sind gefüllt mit parkenden Motorrollern, Verkaufsgut oder den kleinen Hockern der Suppenküchen, während die Fussgänger für gewöhnlich die Strasse nutzen.

Wie im Rausch

Aus zwei Nächten werden sechs Übernachtungen. Wir fühlen uns wohl, lassen uns treiben, geniessen, schlendern herum und beobachten. Wir besuchen die eine oder andere Sehenswürdigkeit, aber keine davon ist so betörend wie die Atmosphäre, die diese Stadt im alltäglichen Leben ausstrahlt. Hanois Faszination ist das Leben selbst. Wer hier herkommt, der sollte sich auf einen kleinen blauen Hocker am Strassenrand setzen, sich eine Pho Ga mit einem kalten Bia Hoi bestellen und dem Treiben wie in einem Rauschzustand zuschauen.

Hanoi Streetlife

Stephans Aussage, er könne stundenlang an einer Strassenkreuzung stehen und einfach nur beobachten, sagt viel darüber aus, wie wir Hanoi erleben und erleben möchten.

Ein Schmelztiegel

Was macht dieses Leben denn eigentlich so faszinierend? Vielleicht ist es das Aufeinander- und Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen an diesem Ort. Ich sehe einen alten vietnamesischen Mann im Strassencafé in aller Gemütlichkeit an seinem Tee nippen, den auf seinem Sattel schlafenden Motorradtaxifahrer oder die geschäftigen Damen in Suppenküchen, mit ambulantem Streetfood- Geschirr (das Pendant zum Pizza- Taxi) oder an den Strassenimbissen. Ich erlebe wunderbare Live- Musik in den Gassen rund um die Backpacker- Meile des Old Quarters, dazu einfache Strassenlokale, die kaltes Bier ausschenken, während ich lausche.

Die Backpacker- Spezies

Eine Mischung aus Neugier, Faszination und Abneigung erfasst mich dann, wenn ich auf den Traveller- Hype in dieser Stadt stosse. Aber auch dieser gehört zu Hanoi, zu dem, was diese Stadt für mich ausmacht. So vielen ausländischen Touristen, wie ich ihnen hier an einem Tag begegne, bin ich in den letzten drei Monaten im Gesamten nicht über den Weg gelaufen. Reisegruppen aus Frankreich, Deutschland oder China gehören ebenso zum Stadtbild, wie die zahlreichen jungen Backpacker, die hier aus Europa, den USA oder Australien einrücken, um die Partyroute Vietnams und Südostasiens zu befahren. Die meisten Hostels in Hanoi profitieren von genau dieser Zielgruppe und legen ihren Fokus auf die Gruppen junger Traveller. Sie bieten günstige Betten im Schlafsaal an und warten mit Aktivitäten und Tourangeboten auf, deren eigentlicher Sinn in Animationsshows und Trinkgelagen vor einer hübschen Kulisse besteht. Touristen, die, wie wir, die diese Art des Partylebens eher anstrengend finden und dennoch gerne in einem Backpacker die Gesellschaft anderer Reisender suchen, kommen hier nicht auf ihre Kosten. Die überzogenen und horrenden Preise für teils abgewrackte Doppelzimmer mit Bad stehen in keinem Verhältnis zu den oft viel kostengünstigeren, teils richtig schicken Hotelzimmern. Grund genug uns in einem solchen einzumieten. Und so ziehen wir im schicken Golden Land Hotel ein.

Und trotzdem eine amüsante Abendgesellschaft

So sehr wir die Gesellschaft anderer Reisender geniessen und die Abende im Austausch mit interessanten Menschen verbringen, so sehr sind wir vom feierlaunigen Jungvolk abgeschreckt. Dennoch lernen wir Martin aus Schweden und Felix au Deutschland kennen, beide Anfang zwanzig, die nicht auf den Party- Zug aufspringen und die Massen ihrer Altersgenossen meiden. Wir sind uns einig: Das ist nicht unsere Welt. Außerdem freuen wir uns, als wir uns nach einigen Wochen mit April und Darryn aus Kanada wieder treffen und uns über die vergangen Wochen unserer Reisen austauschen können.

Hanoi

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