Roadtrip mit Rucksack im Norden von Äthiopien

Willkommen zurück in Äthiopien!

Gerade mal 4 1/2 Monate ist es her, dass ich im Garten des Hotels Bete Abraham in Lalibela saß und Tee trank. Und trotzdem oder gerade deshalb war die Wiedersehensfreude mit alten Bekannten groß.
Wir waren mal wieder zu Dritt unterwegs im Land. Stephan, Florian und ich brachen kurz vor Weihnachten in Köln auf. Die DB reagierte verhältnismäßig schnell, nachdem es zu einer Streckensperrung und damit zum Ausfall unseres Zuges zum Flughafen kam. Über Deutz und mit einem traditionell ersten Bier im Boardrestaurant, sind wir rechtzeitig in Frankfurt angekommen. Nach einem ruhigen und pünktlichen Flug wartete unser Fahrer Daniel bereits am Bole Airport in Addis, um die lange Strecke über Woldia nach Lalibela mit uns zurückzulegen.
Die Nacht in Woldia verbrachten wir nicht, wie gewohnt im einzigen annehmbaren, aber mittlerweile doch überteuerteren Hotel der Stadt, sondern in einer günstigen, ekligen Absteige ohne Wasser. Für die 8 Stunden Schlaf reichte es aus. Am Morgen danach ging es mit einigen Zwischenstopps durch die, immer wieder atemberaubenden Berge, weiter nach Lalibela.

Trekking in der Umgebung Lalibelas

Drei Tage und zwei Nächte sind wir mit Tesfa- Tours durch die Berge rund um Lalibela gewandert. Tesfa ist ein Community- Projekt, dem die Einbindung und Unterstützung der Einheimischen zugrunde liegt. Bei allen Treks ist mindestens ein einheimischer Guide zugegen, die einfachen Unterkünfte in Tukuls werden von gewählten Gemeindemitgliedern „bewirtschaftet“.
Gemeinsam mit Getnet, einem Guide mit dem wir bereits vor zwei Jahren getrekkt sind und den wir seither bei unseren Äthiopienbesuchen immer wieder mit Freuden getroffen haben, starteten wir unweit von Gashena.
Ein verhältnismäßig kurzer Lauf von knapp 2 Stunden brachte uns zum ersten Übernachtungsplatz Boya Mikael. Bei herrlicher Sonne und traumhaftem Sonnenuntergang konnten wir den Ausblick auf die Weiten der schroffen Felslandschaften geniessen. Besonders, als es bereits dunkel war, wurde deutlich, wo wir uns befinden. Einzig die Geräusche von Tieren und Menschen, die aus dem Tal hinauf schallten, und der aufkommende Wind waren zu hören.
Der Trek führte uns an beiden Tagen vorbei an kleinen Dörfern und hart arbeitenden Farmern, die das Getreide gerade mit konventionellem Werkzeug, aus unserer Sicht wohl altertümlich, einholen. Bis zu 12 Stunden täglich wird hier alles von Hand gemacht.
Die Nacht war kalt, verregnet und windig, was durch den grandiosen Sonnenaufgang am Morgen sofort vergessen war, den ich bei heissem Chai am Rand der Klippe erleben durfte. Solche Momente erlebe ich als unglaublich beruhigend und zufriedenstellend und rufen in mir immer wieder das Bedürfnis hervor, mir viel mehr bewusste und ruhige Momente in unserem schnelllebigen und gedrillten Alltag einzubauen und auch gönnen zu dürfen.
Die Ruhe begleitete uns auch am 2. Tag des Treks durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet zu unserem zweiten Anlaufpunkt in Aina Amba. Leider erreichte uns hier schon nachmittags ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich schlechtes Wetter mit wolkenverhangenem Himmel und später auch starkem Regen, so dass wir den Abend am Feuer im Hütteninneren bei leckerem Essen und kaltem Bier verbrachten.
Für den dritten Tag des Treks hatten wir ursprünglich eine 2-3 stündige Wanderung geplant, wobei wir die Pläne kurzfristig verändern. Florian hat einen weiteren Tag mit Getnet verbracht und ist mit ihm einen verhältnismäßig schwierigen Weg gewandert, während Stephan, von Blasen geplagt und ich, konditionell nicht fit genug für den toughen Trek, mit Daniel wieder zurück nach Lalibela gefahren sind.


Geburtstage und andere Zeremonien

In Lalibela zurück nutzen wir vor allem die frühen Morgenstunden, um den spirituellen Gesängen zu lauschen und uns – von der besinnlichen Atmosphäre getragen – durch die Felsenkirchen leiten zu lassen. Zum Abschluss des Aufenthaltes durften wir eine größere Zeremonie in der St. Gabriel Church miterleben, zu der Massen weiß gekleideter Pilger den Kirchberg ansteuerten.
Etwas träge nach dem Trek, trafen wir uns lediglich mit Christmas und Young zu deren Geburtstagen. Christmas Name zeugt von seiner Geburt um die Weihnachtszeit. Da Young nicht weiß, wann er geboren ist, haben wir es ritualisiert, ihn an diesem Tag einfach mitzufeiern.
Bereits am Montag Mittag haben wir uns von den Jungs und GuzGuz, ihrer Nachbarin, verabschiedet, um in die nähere Umgebung Lalibelas zu fahren.

Einen wunderbaren Nachmittag bescherte uns Florian, der hochmotiviert ein paar Filmszenen mit uns, Daniel und dessen Auto drehte. Welch ein Spass!
Den Höhepunkt des Tages erlebten wir dann durch Zufall im Dorf Genete Mariam, wo wir das Glück hatten eine Primarschule anschauen zu können. Unter einfachsten Bedingungen werden über 800 Schüler von hier und den umliegenden Dörfern nicht nur in den Basics wie Mathe, Sprache und Englisch unterrichtet. In einem Labor wird mit simplen Materialien in den Fächern Bio, Physik und Chemie experimentiert und konstruiert.
Alles in allem ein sehr spannender Nachmittag, den wir noch mit einem Abstecher zu „unserem Galeristen“ Smachew, dessen Stammkunden wir quasi schon sind, und bei viel Bier abschlossen.


Gorgora

Es scheint, dass der ausnahmeähnliche Zustande im kleinen Dörfchen Gorgora am nördlichen Ende des Lake Tana beendet ist, als wir nach etwas mehr als 4 Monaten über die buckelige Piste mit ihren zahlreichen Baustellen wieder dort ankommen. Die Geröllberge und die großen Caterpillar- Baumaschinen sind verschwunden, geblieben ist eine sandige, flache Strasse, die durch den Ort führt.
Einige Häuser sind verschwunden, andere, darunter das der Kellnerin Wurko, stehen noch. Unerwartet- im Sommer erzählte sie voller Traurigkeit und Sorge davon, dass sie und ihre Familie umziehen müssen. Das Geld, dass sie vom Staat für die Zwangsumsiedelung bekämen, würde nicht annähernd die Kosten decken, die sie für das neue Heim bräuchten.
Ein Einheimischer erzählte uns nun, dass die Pläne sich verändert hätten, die jetzige Breite des Highways würde ausreichen, weitere Häuser würden nicht abgerissen. Unser Fahrer meint, in etwa einem Jahr sei die Strasse vermutlich fertig gebaut.
Was das für den beschaulichen Ort bedeutet, ist schwer zu sagen. Die asphaltierte Strasse lässt aber vermuten, dass neben der einzigen, etwas abseits gelegenen Bungalow- Unterkunft, weitere schickere Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen direkt am See eröffnen könnten und das einfache Dorfleben sich damit verändern könnte.

Während unseres Besuches konnten wir glücklicherweise die Unaufgeregtheit und Ruhe des Ortes wieder erleben, die trotz des sorgenvollen Ausnahmezustandes, auch bei unserem Besuch im Sommer vorherrschte.
Mit den ersten Sonnenstrahlen beginnt das Leben in langsamer Geschäftigkeit. Der Geruch von Feuer steigt in die Nase, der Rauch liegt wie ein Dunstschleier über dem Dorf. Frisches Brot und Injera wird gebacken, Wasser für den ersten süßen Chai des Morgens gekocht. Hirten ziehen mit den Kuh-, Schafs- und Ziegenherden auf die Weiden außerhalb des Dorfes.
Wir konnten die Seele baumeln lassen, sind spazieren gegangen, Kanu gefahren und haben alte Bekannte aus dem Sommer getroffen und das eine oder andere Pläuschchen gehalten.

Neue und interessante Bekanntschaften haben wir zudem in unserer Unterkunft gemacht. Lukas ist über ein Jahr mit dem Fahrrad unterwegs, von Kairo nach Kapstadt. Gerd, ein selbstständiger Familienvater aus Bayern, tourt regelmäßig alleine mit dem Mountainbike durch Afrika- diesmal für einen Monat durch Äthiopien. Wir lernten ein Ehepaar aus Seattle kennen, das zwei Kinder aus Äthiopien adoptiert hat und seit nun mehr 10 Jahren immer wieder hierher kommt. Fanna und Nico aus den Niederlanden arbeiten und lernen derzeit im Gästehaus, da auch sie eine Unterkunft für Touristen in Äthiopien eröffnen möchten. Und nicht zuletzt trafen wir auf Trevor, der seit mehr als 20 Jahren in über 70 Ländern auf Reisen ist. Zur Saisonarbeit als Kellner kommt er immer wieder nach Europa, vorzugsweise in die Schweiz, um Geld für seinen Lebenswandel zu akquirieren.

Der bunt gemischte Haufen einzigartiger und spannender Persönlichkeiten bereicherte unsere Tage und rundete de Aufenthalt in Gogora ab.


Schulbesuche in Äthiopien

Zwei parallel zueinander angelegte Bungalowkomplexe mit fünf Räumen, dahinter einige einzelne Gebäude und eine große Grünfläche mit Fussballfeld- typisch für eine äthiopische Dorfschule.

Auch in Gogora am Lake Tana ist dies nicht anders. Hier lernen Schüler vom erstem bis zum achten Schuljahr zusammen. Im wöchentlichen Wechsel findet der Unterricht für die Stufen 1- 4 und 5- 8 entweder am Morgen oder am Nachmittag statt.
Der Direktor ist abwesend, doch der Bibliotheksleiter der Schule führt uns durch die Klassenräume. Eine Bibliothek bekommen wir hierbei nicht zu Gesicht, doch vermag jemand der in Äthiopien für die „library“ zuständig ist, vielleicht eine etwas andere Position zu haben, als wir dies vermuten.
In allen Klassen werden wir mit einem kleinen Einladungsgesang begrüsst: „Welcome guests!“

Die Disziplin der Schüler und die Ruhe, die in den Lerngruppen herrscht, zeugen vermutlich aber nicht nur vom dem stets präsenten Rohrstock, der in äthiopischen Schulen zum obligatorischen Handwerkszeug der Lehrkräfte gehört. Ob und wie häufig dieser tatsächlich zum Gebrauch kommt, ist ungewiss.
Tatsache ist aber, dass wir in Äthiopien viele Kinder und Jugendliche treffen, die in der Regel ein hohes Maß an Motivation zeigen, vor allem Fremdsprachen, zu lernen. Ihr Traum, einen guten Schulabschluss und eine Ausbildung machen zu können, ist ein stetiger Begleiter in den Gesprächen. Leider ist dies, aber, wer sollte es ihnen auch verübeln, oft mit der Bitte nach Unterstützung durch den weißen, vermeintlich reichen, Westler verbunden.
Und dennoch stelle ich die durchaus zweifelhafte Hypothese auf, dass auch Wissbegierde und der Wunsch nach Bildung Faktoren sein könnten, warum die oft sehr altersheterogenen Lerngruppen in den Schulen, allem Anschein nach so diszipliniert funktionieren.

Die Klassenräume in den Schulen sind meist ähnlich ausgestattet: Eine Tafel, einige große Plakate, die die schulischen Grundlagen vom Alphabet, den Organen oder einfachen englischen Vokabeln darstellen.
Besonders beeindruckend sind die Gemälde oder Grafiken, die an den Schulmauern angebracht sind. Von Weltkarten bis zum Periodensystem der Elemente wird hier auf Verbildlichung und Wiederholung gesetzt, um die Basics des Allgemeinwissens zu fördern.

Florian besuchte die Schule in Gogora erst einen Tag später, wodurch ihm der Kontakt zum Rektor zuteil wurde, er aber auch das hier vorhandene Labor anschauen durfte, dass uns schon beim Besuch einer anderen Schule positiv überrascht hat.
Begeistert hat uns alle der Schachraum der Schule, wo SchülerInnen freiwillig das Spiel- oder sollte ich sagen, den Sport?- mit einer Lehrerin einüben können. Diese präsentierte voller Stolz, die bereits errungen Medaillen aus verschiedenen regionalen und landesweiten Wettbewerben.

Uns ist es fern, Vergleiche oder gar Bewertungen über ein Bildungssystem aufzustellen, in dessen Umsetzungen wir nur herein schnuppern konnten. Mitgenommen haben wir aber zumindest den Eindruck, dass es Flecken auf dieser Welt gibt, an denen Kinder noch mit Freude zur Schule gehen.


Sweet, sweet honey…

…durften wir frisch aus dem Bienenstock kosten. Eine Gaumenfreude, die uns Serkie und Mastewal bei unserem, mittlerweile dritten Besuch in Bahar Dar, bescherten.
Seit unserem letzten Aufenthalt im August, ist die Honigernte offenbar ins Stocken geraten. Ein Grund hierfür scheint die Ausrottung von vier Kolonien durch Krankheitsbefall zu sein. Serkie ist zudem scheinbar ausgestiegen, da sie seit Herbst aufs College geht, wo sie „Construction Management“ studiert. Sie hilft Mastewal nur noch nebenbei. Diese berichtete uns, dass sie Unterstützung durch ihren Vater bekommt, der selbst auch Imker ist. Auf dem Areal, wo die Bienen untergebracht sind, pflanzt sie mittlerweile Gemüse an. Früh morgens und abends im Dunkeln versorgt sie hier die Bienen. Zudem lernt sie seit Oktober etwa einmal im Monat nun alleine 120 Frauen in der Umgebung an, die selber zu Imkerinnen ausgebildet werden möchten. Eine große Herausforderung und viel Arbeit für Mastewal, die zudem lange Anfahrtswege mit dem Bajaj hat, da die Bienenstöcke verhältnismäßig weit von ihrem Zuhause entfernt stehen.

In Sebeta, westlich von Addis, besuchten wir zum zweiten Mal Mulu, die gemeinsam mit Abebech, insgesamt 13 Kolonien betreut. Die beiden Frauen haben mittlerweile alle traditionellen Bienenstöcke in moderne Beuten umgesiedelt. Ziel ist es, langfristig mehr Honig produzieren zu können. Im Oktober haben sie zum ersten Mal etwa 25 kg geerntet.
Mulu strahlt, als sie uns mit Stolz ihre Erzeugnisse zeigt. Die Augen leuchten, als sie von ihren Träumen berichtet: Sie möchte gemeinsam mit Abebech einen Shop in Sebeta eröffnen, um den Honig hier verkaufen zu können. Hierzu bedarf es weit mehr Honig, das weiß sie. Aber sie strebt an, in einigen Jahren viele Bienenstöcke mehr zu besitzen. Von bis zu hundert spricht sie.

Wir würden gerne Honig kaufen, doch dies ist nicht möglich- es gibt schlicht keine Gläser. Was ein kleines Hindernis für uns wäre, scheint hier eine große Herausforderung darzustellen. Stolpersteine, wie dieser, sind nicht ungewöhnlich.

Zurück in Addis trafen wir Solomon und Jürgen Greiling, die an verschiedenen Fronten tätig sind, jedoch beide mit Fokus auf die Entwicklung der Imkerei in Äthiopien.
Im Gespräch bekamen wir neue, spannende Informationen, zudem wurden uns aber auch viele Zusammenhänge ihrer Arbeit deutlicher und offene Fragen konnten beantwortet werden. Inhaltlich ist die Imkerei ohnehin eine hochkomplexe Wissenschaft, hier in Äthiopien sind aber die strukturellen Grundlagen, die diesem und anderen Berufen in Europa zugrunde liegen, gänzlich nicht vorhanden. Infrastruktur, Logistik, Start ups, Kredite etc. sind nur Stichworte für weitreichende Rahmenbedingungen, die für den Start, die Umsetzung und langfristige Fortführung in diesem Beruf von Nöten sind, die aber in Äthiopien kaum oder nicht vorhanden sind.

Das Thema „Bienen in Äthiopien“ ist lange nicht abgeschlossen. Dieser Reisebericht kann leider nicht annähernd das erfassen, was es zu berichten gibt. Weitere Infos über den Verein „Imker für Imker in Äthiopien“ und Vorberichte zu unseren Besuchen vor Ort findet Ihr aber auf unserer Website unter „Projekte“.

Zu unserer Äthiopien Galerie geht es hier.


 

One thought on “Roadtrip mit Rucksack im Norden von Äthiopien

  1. Hallo
    Schöner Report eurer Reise. Schade das ich bei der Honigstorry nicht mehr dabei war. Ich war mit Seid in Addis in einem Honigladen mit großer Auswahl. Dieser wird von einem Jemeniten geführt. Er füllt den Honig in Kunststoffgläser ab.

    Gruß Gerd

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