Hanoi

2010/2011

Es ist Montag  Abend, 23.11 Uhr, wir sitzen vor unserem Backpacker in einer kleinen, schmalen Gasse. Gegenüber wird gerade das Tor zu einer Baustelle wieder geöffnet, hinter dem sich eine Hausruine befindet. Ein Kleinlaster, der Back- oder Ziegelsteinen geladen hat,  versucht in aller Lautstärke mehrfach in die Einfahrt zurück zu setzen, was ihm anfangs nicht richtig gelingen mag. Er stoppt, die Strasse ist versperrt, die Leute stehen ruhig drum herum und schauen zu. Als er die gewünschte Position gefunden zu haben scheint  und den Motor ausstellt, beginnen einige Männer die bis dahin intakten Steine mit ganzem Elan vom Wagen herunter in die Ruine hinein zu werfen. Die Lärmkulisse passt sich dem Niveau eines scheinbar ganz normalen Tages in Hanoi an.

Nur eine der Szenen, die wir seit unserer Ankunft am Sonntag in Hanoi beobachten konnten. Sie muss live miterlebt werden, um die Absurdität der gesamten Situation begreifen zu können. Tatsächlich sind die Ziegelsteine nicht zerbrochen und es scheint auch niemand der Nachbarn oder umherstehenden Menschen auch nur ansatzweise den Gedanken verfolgt zu haben, dass das Tun dieser Leute zu dieser späteren Abendsstunde auch nur im Geringsten seltsam sein könnte. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Hanoi nicht in einer Hitzeperiode steckt, in der man erst am Spätnachmittag zu arbeiten beginnt. Die Tagesabläufe beginnen morgens früh und enden eigentlich ähnlich wie in Europa oder deutlich früher.

Diese Stadt ist faszinierend:  Quirlig, laut, chaotisch- ein Ameisenhaufen. Ruhig und entspannt zugleich.
Das Leben auf den Strassen ist in Worten und Fotos gar nicht zu beschreiben: Ein ohrenbetäubendes, völlig verwirrtes Knäuel von unzähligen Mopeds und einigen Autos, die sich in rasendem Tempo kreuz und quer einen Weg durch die Strassen bahnen, ungeachtet anderer Fahrzeuge oder gar Fußgänger, die hier das letzte Glied in der Kette darstellen. Zwischen den motorisierten Untersätzen sind überall Fußgänger, Radfahrer, Radtaxis, Verkäufer mit vollbeladenen Traggestellen zu finden, die die Fahrbahn ebenso als Fortbewegungsstrecke nutzen. Der Hupenton ist zu einem konstanten Konzertgeräusch in unseren Ohren geworden, allgegenwärtig untermalt er unsere Handlungen und Gespräche.
Mitten in diesem pulsierenden Alltag sitzen die Menschen auf kleinen Hockern, an flachen Tischen in den Suppen- und Garküchen, eingeengt von Häusern auf der einen, parkenden Motorrädern und dem Abgasduft der Straße auf der anderen Seite. Sie essen, plaudern, scheinen hier zur Ruhe zu kommen. Verkäufer in der Vielzahl von Einkaufsmöglichkeiten entlang den Strassen, nutzen den geringen Kundenverkehr, um auf ihrem Hocker ein Mittagsschläfchen an der geschäftigen Fahrbahn zu halten.
So sprudelnd und dröhnend das alltägliche Leben in Hanoi objektiv betrachtet ist, so wenig  Hektik strahlen die Menschen hier aus.  Obwohl wir den Eindruck haben, dass das Leben, vor allem auch das Arbeitsleben in dieser Stadt nie still steht (es ist Dienstag, kurz vor 22 Uhr und die 2. Baustelle in unserer Strasse arbeitet auf Hochtouren) , tickt die Uhr anders…

Hanoi ist eine sehenswerte, mehr als das jedoch, erlebenswerte Stadt. Wir werden morgen früh von hier in die Ha Long Bucht aufbrechen und am Donnerstag Abend von Hanoi aus mit dem Nachtzug nach Sa Pa in die Berge Nordvietnams fahren.

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