Die Transsib – 74 Stunden auf dem Weg von Moskau nach Irkutsk

Ein Ticket bis Irkutsk

Eine große Skepsis beschleicht mich, als wir uns am Jaroslawler Bahnhof in Moskau ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn kaufen. Drei Tage und vier Nächte am Stück soll die Reise dauern. 74 Stunden auf dem Weg von der russischen Hauptstadt nach Irkutsk am Baikalsee. Das Personal am Ticketschalter ist bemüht, eine englischsprechende Mitarbeiterin wird zur Beratung hinzugezogen. Wir möchten ein 2. Klasse Ticket im Viererabteil buchen. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht klar, was das Problem ist, aber es gibt offenbar nur 1. Klasse Tickets.

Die Rahmenbedingungen, d.h. sowohl der Preis als auch die Tatsache, dass es nur Viererabteile gibt, sprechen aber dafür, dass es sich um einen Fahrschein für die 2. Klasse handelt, daher buchen wir. Später stellt heraus, dass es nur einen einzigen russischen Waggon im Zug gibt, was die Optionen beim Ticketkauf vermutlich beschränkt hat.

Es ist schlimmer als befürchtet
Wir buchen auf Zug Nr. 4. Reiseberichten zufolge sind die Züge moderner, je geringer die Zugnummer ist. Das mag vielleicht für die chinesischen oder mongolischen Waggons zutreffen. Als wir gegen Mitternacht den russischen Waggon des Zuges betreten, schlucken wir beide erstmal kräftig. Eine Hitze sondergleichen überkommt uns. Im Inneren finden wir eine antiquierte, unechte, braune Holzvertäfelung an den Wänden vor. Dazu Pritschen aus braunem, vermutlich ebenso unechten Leder. Die Abteile messen nur geringste Quadratmeter, so dass kaum zwei Personen im Mittelgang des Raumes Platz haben, ohne sich auf die Füsse zu treten.

Beklemmung und Sorge, hier mehr als drei Tage miteinander zu verbringen, macht sich breit. Wir schwitzen aus allen Poren. Erst als der Zug bereits aus Moskau heraus gerollt ist, kühlt es ab. Die Klimaanlage ist wieder aktiviert. Mittlerweile haben wir unsere Betten bezogen, das Gepäck verstaut und allen Platz geschaffen. Die Lage entspannt sich, das beklemmende Gefühl weicht allmählich.

Unsere Nachbarn

Unsere Abteilnachbarn Ina und Victor, beide um die sechzig, sprechen kein Wort Englisch. Victor hat irgendwo ein paar Wörter der deutschen Sprache gelernt, was den Gesprächen aber auch nur insofern dienlich ist, dass wir neben „Guten Morgen“, „ Gute Nacht“ und „Danke“ auf russisch, überhaupt verbal miteinander kommunizieren. Ina gestikuliert nicht einmal. Sie wird die nächsten drei Tage bei Kreuzworträtseln in ihrem Bett verbringen. Morgens hübsche sie den Pony auf, dann liegt sie wieder unter ihrer Decke.

Alles nicht so wild
Der erste Morgen nach der Abfahrt lässt das Abenteuer Transsib in einem anderen Licht erscheinen. Ich habe gut und tief geschlafen. Der Zug ruckelt vor sich hin und wir haben uns dann doch sehr schnell in unserem vorübergehenden Zuhause eingelebt. Kurzzeitig erblassen wir vor Neid, als wir die chinesischen Waggons des Zuges durchqueren. Hier finden wir die besagten modernen Wagen der 2. Klasse, die wir, so legen wir es uns zurecht, vermutlich über die russische Bahn in Moskau hätten gar nicht buchen können.

Die Morgentoilette

Die Wasch- und Toilettenräume in den chinesischen Wagen der 1. und 2. Klasse sind identisch mit jenen in unserem Waggon und unterliegen ebensowenig irgendeinem Sterne- Standard. Die metallverkleideten Räume gleichen altbewährten Zugtoiletten der Deutschen Bahn. Zwei Haken und eine Ablage mehr, um die tägliche Morgentoilette etwas bequemer und ggf. auch ausführlicher wahrnehmen zu können.

Duschen gibts schliesslich nicht. Ich erinnere mich durchaus an Zeiten, als man in den Zügen der DB während des Aufenthaltes am Bahnhof nicht zur Toilette gehen durfte. In der Transsib sind die Damen und Herren Schaffner etwas strenger. Je größer der Ort, in dem wir halten, desto früher werden die Toiletten komplett abgeschlossen und auch erst einige Zeit nach Verlassen der Bahnhöfe wieder geöffnet. Schliesslich ist die Toilettenspülung hier immer noch ganz funktional: Klappte auf, Wasserrutsche und alles landet auf dem Gleisbett.

Ein Grund dafür, dass wir als Reisende die Uhrzeit nicht vollkommen aus den Augen lassen können, weil es sonst durchaus zu längeren Einhalte-Zeiten führen würde, die spätestens nach dem ersten Kaffee nur schwer auszuhalten sind.

Das Ding mit der Zeitverschiebung

Die Zeit ist ein ganz eigenes Thema. Von Moskau aus durchfahren wir vier Zeitzonen bis wir in der fünften Zone Irkutsk erreichen. Zwar reisen wir gegen den Tag, aber in sehr langsamem Tempo, so dass wir eigentlich denken, hiervon nicht wirklich betroffen zu sein. Aber spätestens am zweiten Tag und mittlerweile zwei Stunden Zeitverschiebung, sind unsere Körper aus dem Konzept gebracht. Vielmehr jedoch ist der Kopf vollkommen verwirrt. Grund hierfür ist, dass alle Fahrpläne der russischen Eisenbahn in Moskauer Zeit angeben sind. Heisst, wir stehen irgendwo auf dem Bahnsteig, es ist helllichter Tag und Ortszeit vielleicht acht Uhr morgens. Laut Fahrplan ist es aber gerade erst fünf Uhr in der Nacht. Der Tagesrhythmus gerät völlig aus den Fugen, wenn wir dann auf dem nächsten Teilstück schon weiter in die neue Zeitzone hüpfen. Ist denn jetzt gerade Frühstückszeit oder doch schon Abendbrot angesagt? Einzig verlässlich, und darauf ist ein hohes Lob auszusprechen, ist die sagenhafte Pünktlichkeit des Zuges. Minutengenau verlassen wir nach kurzem Beinevertreten die Bahnhöfe. Die Schaffner trommeln „ihre“ Reisenden zusammen und weiter geht die Fahrt durch endlose Landschaften.

Tristesse und Eintönigkeit

Ziemlich trist und eintönig ist der Weg bis nach Sibirien. Als die Bahn die natürliche Grenze zwischen Europa und Asien, den Ural, passiert, schlafen wir. Aber auch hier, so die Vermutung, ist wenig Besonderes in der Umgebung auszumachen. Erst nach Jekatrinenburg, der dritte Tag ist schon angebrochen, ändert sich die Bewaldung ein wenig. Vereinzelt tauchen kleine, typisch sibirische Holzhäuschen mit hübschen Gärten auf.

Das Besondere liegt im Zugfahren selbst

Aber wir lernen auch, dass die Landschaft nicht den Höhepunkt einer Reise mit der Transsib darstellt. Vielmehr sind es die Menschen, die man unterwegs kennenlernt und mit denen man intensivste Zeit über mehrere Tage auf engstem Raum zusammen verbringt. Wir haben mächtig Glück, denn schon am ersten Tag treffen wir auf Hansel und Florencia aus Argentinien, die einige Abteile weiter wohnen. Aus dem chinesischen Part des Zuges lernen wir Peter und Severin aus Warschau kennen, später gesellt sich auch Charlotte aus München hinzu. Am zweiten Tag unserer Reise beziehen dann auch noch Giacomo und Francesco aus Bologna unseren Wagen.

Pläusche auf dem Bahnsteig und im Gang und ein großes Interesse und Neugier den Motiven und Reiseplänen der anderen Passagiere gegenüber bringt uns alle zusammen an einen Tisch im Speisewagen.

Der Wodka fliesst

Bei kaltem Bier, italienischem Likör und russischem Wodka verbringen wir einen spannenden und hochgradig fröhlichen Abend miteinander. Alexej, ein russischer Gast ist, nachdem er seiner Wodkalust offenbar schon einige Stunden gefrönt hat, in Geberlaune. Er spendiert salzigen Fisch, Wassermelone und nicht zuletzt besagten Wodka.

Gut gelaunt, aber auch voller Überzeugungskraft, lockt er die schon angeschickerten Jungs aus der Runde zum Kräftemessen. Armdrücken und Fingerhakeln gehört ebenso dazu wie ein kleiner Wettkampf gegen Severin im Liegestütze machen auf dem Bahnsteig.

Ankunft in Irkutsk

Es ist Samstag Morgen halb acht Ortszeit, als wir im bitterkalten Irkutsk ankommen. Severin, Peter und Charlotte sind schon aufgestanden, um sich am Bahnsteig von Florencia, Hansel, Giacomo, Francesco und uns beiden zu verabschieden. Die Drei fahren weiter bis Peking und haben sich schon verabredet, den restlichen Wodka, den die beiden Jungs dabei haben, vor der mongolischen Grenze gemeinsam zu leeren. Denn hier darf er angeblich nicht eingeführt werden.
Der Abschied ist von Wehmut begleitet. Drei Tage, die wir alle in regem, intensiven Austausch und mit viel Spass miteinander verbracht haben, gehen zu Ende.

Fazit

Ich war sehr skeptisch, drei volle Tage im Zug zu verbringen. Neben der nicht vorhandenen Privatsphäre und sehr eingeschränkten Waschbedingungen, habe ich Langeweile, nervige oder gar fiese Abteilnachbarn und Beklemmungen befürchtet, die sich auf so engem Raum durchaus einstellen können. Im Nachhinein können wir Beide eine absolut positive Bilanz dieser Reise ziehen. Nicht etwa die traumhafte Landschaft bis hierher oder die luxuriösen Verhältnisse machen eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn aus. Vielmehr sind es auch hier mal wieder die Menschen, die eine solche Zeit so wertvoll und unvergesslich machen. Und wir hatten das Glück solche Menschen zu treffen. Ein großartiges Erlebnis!

Zum zweiten Teil unserer Reise mit der Transsib geht es hier.

One thought on “Die Transsib – 74 Stunden auf dem Weg von Moskau nach Irkutsk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.